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Für das Leben gelernt: Großes Interesse an Woche der Wiederbelebung

Für das Leben gelernt: Großes Interesse an Woche der Wiederbelebung

Wilhelmsburg, September 2015: Reanimationstrainings für drei Schulklassen, 80 Mitarbeiter aus zwei Behörden und rund 50 Gäste beim jährlichen Patientenforum: Das Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand freut sich über große Resonanz auf Aktionen zur Woche der Wiederbelebung.

Dienstagmorgen, Wilhelmsburger Bonifatiusschule: „Wer würde seinen Lehrer wiederbeleben, wenn er plötzlich umfällt und nicht mehr atmet?“ Spätestens jetzt sind alle 60 Schülerinnen und Schüler wach! Dennoch: Betretenes Schweigen, peinliches Kichern – so richtig entschlossen scheinen die Jugendlichen nicht. Lieber schnell zur nächsten Frage: „Wer würde Oma, Opa oder einem Elternteil helfen?“ Jetzt schnellen doch noch alle Arme in die Höhe. „Ein Glück, denn darum geht es in den meisten Fällen. 70 Prozent aller Herzkreislaufstillstände passieren zu Hause“, erklärt Dr. Ewald Prokein, Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin am Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand, seinen jungen Zuhörern. „Und weil dann jede Minute zählt, zeigen wir euch heute, wie auch ihr im Notfall Leben retten könnt.“

Leben retten in der Schule – Kultusminister-Empfehlung bislang ohne Wirkung

Eine kurze theoretische Einführung, dann die praktischen Übungen an Puppen: Was in Wilhelmsburg anlässlich der bundesweiten Woche der Wiederbelebung außerplanmäßig auf dem Stundenplan stand, ist in anderen europäischen Ländern längst Schulfach. Wie sinnvoll das ist, lässt sich durch Zahlen belegen: Beispielsweise in Norwegen wird Wiederbelebung seit den 1960er Jahren an Schulen gelehrt. Erleidet dort ein Mensch einen Herzkreislaufstillstand, beginnt in mehr als 70 Prozent der Fälle ein medizinischer Laie vor Eintreffen des Rettungsdienstes mit der Reanimation. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Reanimationsrate durch nicht-professionelle Helfer höchstens bei 20 Prozent. „Die meisten Menschen wissen einfach nicht, was zu tun ist oder sie haben Angst, etwas falsch zu machen“, so Dr. Ewald Prokein. „Und deshalb sollte man möglichst schon in jungen Jahren lernen, wie einfach es ist, Leben zu retten.“

Reanimation als Schulfach – das empfehlen seit 2014 auch ganz offiziell die deutschen Kultusminister. Die Bundesländer sind aufgerufen, ab Klasse sieben zwei Stunden Wiederbelebung pro Schuljahr einzuführen. Doch was ist seitdem passiert? „Wir fragen immer wieder in der Hamburger Schulbehörde nach dem Stand der Umsetzung – bisher leider vergeblich“, berichtet Dr. Prokein. „Und solange sich nichts tut, werden wir weiterhin selbst in die Schulen gehen.“

Viele Fragen, eine Antwort: „Sie können nichts falsch machen!“

Prüfen-Rufen-Drücken: Wer Leben retten will, sollte sich vor allem diese einfache Faustregel merken. „Erst prüft man Bewusstsein und Atmung. Erfolgt keine Reaktion, unbedingt die 112 rufen und dann sofort mit der Herzdruckmassage beginnen“, fasst Dr. Prokein zusammen.

Aber was ist, wenn das Herz doch nicht stillsteht? Was, wenn ich die Person verletze? Kann ich bestraft werden, wenn ich etwas falsch mache? Fragen wie diese kamen vor allem beim Patientenforum in der Klinik-Cafeteria auf. „Bitte machen Sie sich all diese Gedanken nicht“, betonte Dr. Prokein mehrmals. „Sie können nichts falsch machen!“ Beim Besuch des Klinik-Teams in den Behörden für Stadtentwicklung und Wohnen bzw. Umwelt und Energie sorgte vor allem ein kleines Gerät für große Aufmerksamkeit: Insgesamt 14 sogenannte Automatisierte Externe Defibrillatoren (AED) sind in dem bunten, schlangenförmigen Gebäude an der Neuenfelder Straße zu finden. Dabei handelt es sich um speziell für Laienhelfer konzipierte Geräte, die bei Bedarf über zwei Elektroden einen lebenswichtigen Schock auslösen. Auch in Schwimmbädern, Einkaufscentern, Bahnhöfen und vielen anderen öffentlichen Gebäuden hängen AEDs mittlerweile wie Feuerlöscher an den Wänden – gekennzeichnet durch ein grünes Schild mit weißem Herz. Doch darf den AED wirklich jeder nutzen? Ist er wirklich so selbsterklärend wie der Hersteller behauptet? Kann ich dem Menschen damit nicht viel mehr schaden als ihm zu helfen? Verständliche Zweifel, die aber nach einer kurzen Demonstration bei den meisten Behörden-Mitarbeitern aus dem Weg geräumt sind.

Gleiches in der Bonifatiusschule: Ein kurzer Blick auf die Bildchen auf den Elektroden und schon weiß der Achtklässler Marcel, wie die Klebe-Pads auf dem Oberkörper der Puppe zu platzieren sind. Jetzt übernimmt das Gerät. Nachdem dem simulierten Schock gibt es dem Laienhelfer den richtigen Takt für die Herzdruckmassage vor. Manche Mitschüler pfeifen die Melodie von „Stayin´ Alive“ – ein Hit, der genau den richtigen Rhythmus vorgibt und plötzlich auch dem lässigsten Hip-Hopper bekannt ist. Und auch wenn das Beatmen der Puppe vor Publikum lieber nur angedeutet wird: Spätestens bei den Übungen in Kleingruppen fehlt fast keinem mehr der Mut. „Das erleben wir immer wieder. Am Anfang ist alles noch peinlich, aber nach kurzer Zeit sind gerade junge Menschen mehr als engagiert bei der Sache. Leben retten ist nämlich gar nicht mal so uncool – übrigens auch dann nicht, wenn es um den eigenen Lehrer geht“, schmunzelt Dr. Prokein.

Informationen über das Krankenhaus

Das Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand ist ein Haus der Grund- und Regelversorgung mit 24-Std. Notaufnahme, 208 Betten und 20 Plätzen in der geriatrischen Tagesklinik. Zum Leistungsspektrum zählen die internistische und chirurgische Notfallversorgung für Wilhelmsburg und den Hamburger Hafen, das Zentrum für Geriatrie und Frührehabilitation, ein zertifiziertes Hernienzentrum, Orthopädie mit Endoprothetik sowie eine Seemannsambulanz. Die Klinik ist akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Hamburg und verfügt über eine angeschlossene Gesundheits- und Krankenpflegeschule. Träger ist die Katholische Kirchengemeinde St. Bonifatius.

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